Die Olivenblüte: Wenn alles beginnt
Es gibt einen Moment im Jahr, den Menschen, die in Olivenhainen arbeiten, zuerst mit den Augen
und dann mit der Nase erkennen lernen. Er kommt im Frühling – gewöhnlich zwischen Mai und
Juni an den Hügeln des Gardasees – und ist unauffällig, beinahe zurückhaltend: nichts
Spektakuläres wie die Blüte eines Kirsch- oder Mandelbaums. Und doch entscheidet sich in diesem
Moment zu einem großen Teil, wie die Ernte des Jahres ausfallen wird.
Es ist die Blüte des Olivenbaums. Und sie verdient es, näher betrachtet zu werden.
Wie die Blüten des Olivenbaums aufgebaut sind
Der Olivenbaum bildet keine großen, auffälligen Blüten. Seine Blüten sind klein, cremeweiß und in
Trauben angeordnet, die „Mignolen“ genannt werden – ein Begriff, der vom lateinischen
“amygdala” (Mandel) stammt und auf ihre spitz zulaufende Form vor dem Öffnen verweist. Jede
Mignole kann zwischen fünfzehn und dreißig Blüten enthalten, und ein einzelner Baum produziert
Tausende, in günstigen Jahren sogar Hunderttausende davon.
Die meisten dieser Blüten besitzen sowohl männliche als auch weibliche Organe. Der Olivenbaum
ist jedoch überwiegend windbestäubt (anemophil) und bildet häufig zwar vollständige, aber
unfruchtbare Blüten aus. Von allen Blüten eines Baumes entwickelt sich nur ein kleiner
Prozentsatz zu einer Olive: Unter optimalen Bedingungen spricht man von etwa einer Frucht pro
hundert Blüten.
Das ist keine Ineffizienz, sondern Teil der Natur des Olivenbaums, der in großer Fülle produziert,
um eine sehr strenge natürliche Selektion auszugleichen.
Was während der Blütezeit am Gardasee geschieht
An den Gardaseehügeln beginnt die Olivenblüte typischerweise Ende Mai und dauert bis in den
Juni hinein. Zeitpunkt und Dauer hängen von Jahrgang, Höhenlage und Ausrichtung der jeweiligen
Olivenhaine ab.
Die Wetterbedingungen dieser Tage sind entscheidend. Der Olivenbaum benötigt:
-Milde Temperaturen zwischen 15 und 25 °C. Kälte hemmt die Entwicklung der Mignolen,
während übermäßige Hitze dazu führt, dass sie austrocknen, bevor sich die Blüten vollständig
öffnen.
Spätfröste, auch am Gardasee ein reales Risiko in Frühlung, können innerhalb weniger
Stunden ganze Blütentrauben zerstören.
Leichten und beständigen Wind, der den Pollen von einem Baum zum anderen transportiert. Der
Gardasee begünstigt auf natürliche Weise eine regelmäßige Luftzirkulation und macht die Region
besonders geeignet für die Windbestäubung.
Keine starken Niederschläge während der Blütenöffnung. Regen schlägt die Blüten nieder, verteilt
den Pollen und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Mignolen abfallen, bevor die
Bestäubung stattfindet.
Das Zeitfenster ist kurz (oft weniger als zwei Wochen pro Sorte) und alles, was in diesen Tagen
geschieht, wirkt sich direkt auf die Menge der Herbsternte aus.
Die Unterschiede zwischen unseren Sorten.
Casaliva, Leccino und Gargnà blühen nicht genau zur gleichen Zeit und reagieren auch
unterschiedlich auf die Witterungsbedingungen. Diese zeitliche Staffelung, die auf den ersten Blick
problematisch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit eine der wertvollsten Eigenschaften eines
gemischt bepflanzten Olivenhains.
Die Casaliva blüht etwas früher als die anderen Sorten. Sie ist teilweise selbstfruchtbar, erzielt
jedoch bessere Ergebnisse, wenn sich kompatible Sorten in ihrer Nähe befinden.
Die Leccino ist selbststeril und benötigt Bestäuber, um Früchte zu tragen. Der beste Bestäuber ist
der “Pendolino”, ihr natürlicher Partner in Olivenhainen.
Die Gargnà zeichnet sich durch eine besonders reiche Blüte aus, reagiert jedoch am
empfindlichsten auf ungünstige Wetterbedingungen. Ein unbeständiger Frühling kann diese Sorte
deutlich stärker beeinflussen als die beiden anderen Kultivare und erklärt teilweise ihre
wechselnde Produktivität.
Mehrere Sorten im selben Olivenhain anzubauen, ist daher nicht nur eine Frage der
Produktvielfalt, sondern eine agronomische Strategie, die die Widerstandsfähigkeit des gesamten
Systems erhöht.
Die Blüte wird beobachtet, nicht kontrolliert
Eine der wichtigsten Lektionen, die der Olivenbaum seinen Kultivierenden vermittelt, ist Geduld.
Die Blüte lässt sich nicht beschleunigen, nicht exakt planen und auch nicht korrigieren, wenn die
Wetterbedingungen ungünstig sind.
Man kann sie jedoch beobachten. Man kann lernen, die Mignolen zu lesen – ihre Dichte, ihre
Farbe und den Zeitpunkt ihres Öffnens –, um frühzeitig zu verstehen, wie sich die Saison
entwickelt.
Man kann in den Monaten zuvor durch einen ausgewogenen Schnitt und eine
sorgfältige Bodenpflege die Gesundheit des Baumes fördern, damit er die Blütezeit in
bestmöglicher Verfassung erreicht.
Und man kann warten. Mit Aufmerksamkeit, Sorgfalt und jener Form des Respekts vor den
Rhythmen der Natur, die die Grundlage unserer Arbeit an den Gardaseehügeln bildet.